Erfahrung sichern mit KI
Wie Betriebe das Wissen ihrer besten Leute weitergeben
In vielen Lohnfertigungen steckt das wertvollste Wissen in wenigen Köpfen, weil Kalkulatoren und Meister es über Jahre gelernt haben. Dieser Artikel zeigt, wie Software dieses Erfahrungswissen festhält, an neue Kolleginnen und Kollegen weitergibt und Fachkräfte von wiederkehrender Arbeit entlastet.
Wissen, das nirgends steht.
Ein erfahrener Kalkulator sieht einer Zeichnung an, ob eine Toleranz teuer wird, wie oft das Teil umgespannt werden muss und wo Ärger droht. Ein Meister weiß, welche Maschine ein Teil am besten fertigt und welcher Werkstoff Zeit kostet. Dieses Wissen ist über Jahre gewachsen und steht selten vollständig in einem System.
Solange diese Menschen im Betrieb sind, fällt das kaum auf. Spürbar wird es erst, wenn jemand in den Ruhestand geht oder kündigt und neue Leute lange nachfragen müssen, bevor sie selbst entscheiden können.
Die KfW zählt fehlende Fachkräfte und Kompetenzen zu den wichtigsten Hemmnissen für künstliche Intelligenz im Mittelstand2. Darin liegt ein Kreislauf, denn gerade Betrieben mit knappem Personal fehlen Zeit und Leute, um Technik einzuführen, die sie entlasten würde.
Vom Kopf ins System.
Software kann Erfahrung nicht ersetzen, aber sie kann sie festhalten. Wenn ein Betrieb seine Regeln hinterlegt, etwa welche Maschine welche Teile fertigt, welche Zeiten für Rüsten und Prüfen gelten und was eine enge Toleranz kostet, dann arbeitet das System mit demselben Maßstab wie die erfahrene Kollegin.
Künstliche Intelligenz übernimmt dabei den Teil, der bisher nur mit geübtem Blick ging: Sie liest Zeichnungen, erkennt Maße und Toleranzen und bereitet sie so auf, dass die Regeln greifen. Das Ergebnis bleibt nachvollziehbar, weil jeder sehen kann, welche Angabe zu welchem Wert geführt hat.
Oft liegt der größte Gewinn in einem Nebeneffekt, denn wer Regeln für ein System aufschreibt, formuliert sie zum ersten Mal ausdrücklich. Dabei zeigt sich, wo zwei Kollegen dasselbe Teil unterschiedlich bewerten, und der Betrieb kann sich auf einen gemeinsamen Maßstab einigen.
Was die Forschung zeigt.
Wie gut Software Erfahrung weitergeben kann, haben die Ökonomen Brynjolfsson, Li und Raymond untersucht1. Sie begleiteten 5.179 Beschäftigte im Kundenservice, die einen KI-Assistenten erhielten, und maßen, wie viele Anliegen sie pro Stunde lösten1.
Im Schnitt stieg die Produktivität um 14 %, bei Neulingen und gering Qualifizierten sogar um 34 %, während sehr erfahrene Beschäftigte kaum profitierten1. Die Forscher erklären das damit, dass der Assistent das Wissen der besten Mitarbeitenden an die Neuen weitergibt.
Die Studie stammt aus dem Kundenservice und nicht aus der Fertigung, deshalb lassen sich ihre Zahlen nicht auf eine Lohnfertigung übertragen. Übertragbar ist das Prinzip, denn wer das Wissen der Erfahrenen in ein System bringt, hilft vor allem denen, die neu anfangen.
Mehr Zeit an der Maschine.
Neben dem Weitergeben von Wissen gibt es einen zweiten Hebel, nämlich die wiederkehrende Arbeit. Maße aus Zeichnungen abtippen, Werte in Tabellen übertragen und Angebote formatieren kostet Fachkräfte Stunden, in denen sie nichts tun, was nur sie können.
Automatisierung nimmt diese Arbeit ab, damit erfahrene Leute ihre Zeit dort einsetzen, wo ihr Können zählt: beim Einrichten, bei schwierigen Teilen und beim Anlernen der Neuen. Die Entscheidung bleibt beim Menschen, und die Vorarbeit erledigt das System.
Den Effekt von KI auf die Beschäftigung schätzt das IAB laut KfW insgesamt als moderat ein, die Beschäftigung bleibt weitgehend stabil2. Im Mittelstand geht es deshalb weniger darum, Stellen zu ersetzen, als darum, knappe Fachkräfte dort einzusetzen, wo sie gebraucht werden.
Klein anfangen, Wissen sichern.
Erfahrungswissen zu sichern ist kein Großprojekt, sondern beginnt bei einer Aufgabe, die heute an einer einzelnen Person hängt. Wählen Sie eine solche Aufgabe, lassen Sie die erfahrenen Leute die Regeln mitbestimmen und prüfen Sie die Ergebnisse gemeinsam. So bleibt das Wissen im Betrieb, auch wenn Menschen gehen.
Vinyos Quote hält fest, womit Ihr Betrieb rechnet, also Maschinen, Stundensätze, Zeiten und Zuschläge, die Sie einmal hinterlegen. Die Software liest Zeichnung und 3D-Modell und wendet diese Regeln auf jedes neue Teil an, damit auch neue Kolleginnen und Kollegen nach demselben Maßstab kalkulieren.
Zur Kalkulation in Vinyos Quote →Quellen zum Nachlesen.
- Erik Brynjolfsson, Danielle Li, Lindsey R. Raymond: „Generative AI at Work“, NBER Working Paper 31161, National Bureau of Economic Research, 2023.www.nber.org
- KfW Research, Dr. Volker Zimmermann: „Einsatz von Künstlicher Intelligenz vor allem in Unternehmen mit hohen Innovations- und Digitalisierungsaktivitäten“, Fokus Volkswirtschaft Nr. 533, 11.02.2026.www.kfw.de
Häufige Fragen zum Erfahrungswissen.
Ersetzt KI erfahrene Kalkulatoren?
Nein, denn die KI übernimmt das Lesen und Vorbereiten, während Bewertung und Freigabe beim Menschen bleiben. Erfahrene Fachleute werden gebraucht, um die Regeln festzulegen und die Ergebnisse zu prüfen.
Wie kommt Erfahrungswissen in ein System?
Am Anfang stehen die Regeln, die Ihre erfahrenen Leute ohnehin anwenden, etwa welche Maschine welche Teile fertigt und welche Zeiten gelten. Sobald diese Regeln in der Software stehen und die ersten Ergebnisse gemeinsam geprüft sind, wird sichtbar, wo noch Wissen fehlt.
Lässt sich die Studie aus dem Kundenservice auf die Fertigung übertragen?
Die Zahlen lassen sich nicht übertragen, weil die Arbeit eine andere ist. Das Prinzip gilt aber auch in der Fertigung: Ein System, das das Wissen der Erfahrenen bündelt, hilft vor allem denen, die neu im Betrieb sind.